Reisen in die eigene Schwangerschaft und Geburt
Die prä- und perinatale Körperarbeit ist eine sehr tiefgehende Herangehensweise, die viel Feingefühl von den „Reiseleitern“ erfordert. Sie sollte niemals allein durchgeführt werden – der Prozess braucht immer die Begleitung von zwei Menschen. Der Psychologe und Psychotherapeut Franz Renggli, Begründer dieser Methode, vergleicht sie mit einer Operation am offenen Herzen.
Diese Arbeit geht davon aus, dass Bewusstsein bereits bei der Zeugung vorhanden ist und dass Babys im Mutterleib alles mitbekommen, was geschieht. Sie fühlen die Gefühle ihrer Mutter und nehmen über sie auch wahr, was in ihrer Umgebung „wegen ihnen“ passiert – zum Beispiel, ob die Entdeckung der Schwangerschaft mit Freude, Überraschung, Angst oder Ablehnung einhergeht. Der Stress der Mutter – messbar in ihrem Blut – kann vom Kind als Gift über die Nabelschnur wahrgenommen werden. Es gibt sogar Aufnahmen von Embryos, die mit ihren Händen versuchen, die Nabelschnur abzuklemmen. Das ist nur eines von vielen Beispielen aus der Zeit der Zeugung, Schwangerschaft oder Geburt. Diese frühen Erfahrungen sind im Körperzellgedächtnis gespeichert und wirken unbewusst in unser Leben hinein.
Zum Glück können wir diese Erinnerungen überschreiben und nicht gelebte Gefühle nachnähren.
Im Zentrum der „Reisen zum Ursprung“ steht der sichere Raum – genauso wie in einer idealen Schwangerschaft. Das Baby ist sicher mit der Plazenta verbunden; alle äußeren Probleme gehören den Erwachsenen und nicht dem Kind. Das Baby selbst darf in Liebe, Wertschätzung und in seinem eigenen Tempo wachsen und geboren werden. Dieses Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Willkommensein bildet die Grundlage für Selbstliebe und Beziehung auf Augenhöhe – und kann jederzeit nachgeholt werden, auch eine innere Geburtserfahrung.
Im Ablauf ähnelt die Arbeit einer Aufstellungsarbeit, unterscheidet sich jedoch in ihrer Herangehensweise. Der Prozess entsteht von innen heraus, wie bei einer Geburt – das Baby folgt seiner eigenen inneren Uhr, die nicht von außen gesteuert werden kann. Da diese Arbeit viel Zeit und Raum braucht, können pro Tag nur zwei Reisen stattfinden – also höchstens vier Reisen an einem Wochenende. Alle anderen Teilnehmenden sind dabei und übernehmen Rollen, in die sie meist ganz natürlich „hineinrutschen“. Diese Rollen spiegeln oft eigene Themen wider, sodass auch die Mitreisenden tiefgehende Erfahrungen und Erkenntnisse mitnehmen.
In jedem Seminar gibt es Plätze für Menschen, die als Mitreisende teilnehmen und Rollen für andere übernehmen. Für viele ist das zunächst genau richtig – denn die Prozesse sind sehr tief. Auch als Mitreisende*r kann man viel nachnähren, berühren lassen und innere Erkenntnis gewinnen, selbst wenn es (noch) nicht die eigene Reise ist.
Sangita Birgit Wyslich